Tunesien: Amphitheater in El Jem
Tunesien: Amphitheater in El Jem

Erholung in Tunesien

Von Rainer Schubert

2015 war kein erfreuliches Jahr für Tunesiens Tourismus, aufgrund terroristischer Anschläge auf ausländische Gäste geradezu ein annus horribilis. Das Maghreb-Land hat an Sicherheit und Qualität gearbeitet, gewalttätige Angriffe sind seither ausgeblieben, die Tourismuswirtschaft ist auf Erholungskurs.

2015, als Folge der genannten Anschläge, brachen die Einreisen ausländischer Touristen aus allen Quellmärkten in der Tat dramatisch ein, um 2016 wieder insgesamt eine steigende Tendenz aufzuweisen, mit Ausnahme der übersensiblen Deutschen, die auch im vergangenen Jahr mit gut 129.000 Reisenden das Vorjahr (2015) um fast die Hälfte unterboten. 2017 haben auch sie ihre Vorsicht abgelegt: bereits bis 30. September verzeichnet Tunesiens Tourismus 136.666 deutsche Einreisen (plus 43,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Insgesamt reisten in den ersten drei Quartalen dieses Jahres über 4,33 Millionen Touristen ein (plus 28,3 Prozent), davon knapp 1,4 Millionen aus Europa (plus 17,4 Prozent). Bei diesen Zahlen, die das tunesische Ministerium für Tourismus und Kunsthandwerk im Oktober veröffentliche, ist abzusehen, dass 2017 mit einem Zuwachs gegenüber dem Jahr zuvor abschließen wird.

Deutsche Touristen reisen ganz überwiegend in den Monaten Juli, August und Oktober, am liebsten nach Djerba, Hammamet und Sousse, bevorzugen also den Badetourismus. Das gelte für 80 Prozent der deutschen Touristen, so Salma Elloumi Rekik, Tunesiens Ministerin für Tourismus und Kunsthandwerk in einem Pressegespräch im Oktober. Um dies zu ändern, forciere man weiter die Diversifizierung des touristischen Angebots. Und da gibt es tatsächlich bedeutend mehr als Strände für Sonnenbäder.

Neue Tourismusstrategie

Kultur-, Öko- und Erlebnistourismus werden forciert. An dieser schon vor einigen Jahren begonnenen Strategie arbeitet man weiter. Tunesien bietet, wirbt die Ministerin, über 40.000 historische Stätten und steht damit weltweit auf dem dritten Platz. Da gibt es .B. die zentraltunesische Stadt El Jem, eine punische Gründung, deren Stadtbild noch heute durch das römische Amphitheater geprägt wird, in dem das jährliche (2017 zum 32. Mal) Festival klassischer Musik stattfindet. Oder die südtunesische Stadt Medenine am Kreuzweg alter Karawanenrouten, die mit ihren Getreidespeichern, sog. Ksours, einen Blick auf die Geschichte der Berberzeit eröffnet. Die Liste aus 3000 Jahren Kulturgeschichte mit dem Erbe von Berbern, Karthagern, Römern, Byzantinern, Arabern, Osmanen, Spaniern und Franzosen ist reichlich.

Besonders im Eventtourismus wird nahezu jeder Geschmack in Tunesien fündig: sei es das Sahara-Festival von Douz, das Electronic Music Festival „Sounds of Sahara“ in den Dünen Neftas (vor der Star Wars-Kulisse), in Tunis die Kunstbiennale „Dream City“ oder die Fashion Week oder das erwähnte Klassik-Musikfestival in El Jem. Und das Land bietet mehr: Thalassozentren an der 1300 Kilometer langen Küste (Tunesien ist der weltweit zweitgrößte Anbieter dieser Meerwassertherapie), Radtouren in Bizerte oder Tabarka im grünen Norden, zehn Golfplätze, Kiten auf Djerba, Wandern und Trekkingtouren, Kunstfestivals, Weintouren, Entdeckung der Vielfalt landestypischer Küche: das Angebot Tunesiens ist größer als nur Badeurlaub. Jede Region wird mit ihren Besonderheiten erschlossen.

Qualitätsoffensive

Alles dieses ist Teil einer Qualitätsoffensive: zentraler Punkt der Tourismusstrategie Tunesiens. Sie gilt für die gesamte Infrastruktur, wie Flughäfen, Transport, Sicherheit und vor allem für die Hotellerie. Zu ihr gehört die Höherstufung der Hotelkategorien auf vier Sterne und darüber gemäß europäischen Standards. Die Fünf-Sterne-Klasse hält vermehrt Einzug in dem nordafrikanischen Land. Steigenberger nimmt in diesem Jahr zwei Häuser in Betrieb. Im Dezember wird ein Four Seasaons in Tunis seine Pforten öffnen mit 203 Zimmern, darunter 35 Suiten, und einer Konferenzkapazität bis zu 5000 Personen. Marriott und Ritz Carlton werden 2018/ 2019 folgen. Man setzt bei Hotels und Restaurants auf Luxus und „Luxus Medium Plus“, wie es Ministerin Rekik nannte. Auch im Segment kleiner Häuser wird man tätig: individuelle Unterkünfte (sog. „Dar“) hoher Qualität werden im ganzen Land gefördert. Das Projekt „Neues Qualitätslabel“ fußt auf einer Partnerschaft zwischen Tunesien, Frankreich und Österreich, finanziert von der Europäischen Union. Touristische Unternehmen, wie Hotels, Gästehäuser, Restaurants, Reisebüros, die sich für Kundenzufriedenheit engagieren, werden ausgezeichnet.

Tunesiens Tourismusoffensive bedeutet auch: Erschließung neuer Märkte. Die Mehrheit der Touristen reist aus Europa an, an erster Stelle aus Frankreich, gefolgt von Deutschland. Mit Russland, China und Indien will man neue Quellmärkte erobern. 620.000 russische Reisende begrüßte man 2016, bereits 400.000 waren es in den ersten neun Monaten dieses Jahres. Auch hier sei eine Qualitätssteigerung zu verzeichnen, berichtete die Ministerin. 2016 konnte man noch 90 Prozent der Urlauber aus Russland der Kategorie „Massentourismus“ zuordnen, 2017 trifft dies nur auf die Hälfte zu.

Nachhaltigkeit, Qualität, Sicherheit: an diesen Kriterien orientiert sich der tunesische Tourismus. Mit Erfolg, so dass für alle Seiten wieder gilt: Erholung in Tunesien.


AKTUELLE AUSGABE

business_diplomacy_01_2018_cover_300x424_pixel.150x210.jpg

Frühjahr 2018

AUSSENPOLITIK

"In Krisenlandschaften denken". Prof. Dr. Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, über die Folgen des Brexits, den Ordnungszerfall im Nahen Osten und die Präsidentschaft von Donald Trump. Interview

Außenpolitik im Umbruch: Deutschlands gewachsene Verantwortung. Gastbeitrag von Stefan Liebich MdB, DIE LINKE

DGAP: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik auf neuen Wegen


ABONNEMENT

Möchten Sie BUSINESS & DIPLOMACY regelmäßig lesen?


RUNDBRIEF

Wenn Sie sich für unseren kostenlosen monatlichen Rundbrief anmelden möchten, senden Sie bitte eine Nachricht.


LESER ÜBER UNS

Impressum | Datenschutzerklärung

© Diplomat Media Berlin 2017 —