Jean-Christophe Bas, CEO DOC Institute
Jean-Christophe Bas, CEO und Executive Board Chairman des Dialogue of Civilizations Research Institute

BUSINESS & DIPLOMACY-Gespräch: Der 30. Jahrestag des Mauerfalls

"Wir brauchen eine neue Roadmap", Jean-Christophe Bas, CEO und Executive Board Chairman des Dialogue of Civilizations Research Institute (DOC)

 

Herr Bas, seit September 2018 sind Sie CEO des Forschungsinstituts Dialogue of Civilizations (DOC) mit Sitz in Berlin. Wie sind Sie zu dieser Position gekommen?

Ganz einfach. Ich bekam eine Einladung zum Rhodos-Forum.

Wann war das?

Erstmals 2014, danach gab es Folgeeinladungen. Ich kam zum DOC nach 20 Jahren Tätigkeit in verschiedenen internationalen Organisationen: als Leiter der Abteilung Politikdialog und Strategieentwicklung der Weltbank, bei der Allianz der Zivilisationen der UNO (UNAOC) und beim Europarat. Ich war auch der erste Executive Director des Aspen Institute in Frankreich.

Haben Sie damals mit den Gründern oder Stiftern gesprochen?

Ich hatte Gespräche mit dem Board und habe dann ein Strategiepapier erstellt. Das war meine Vision für das Institut, in Übereinstimmung mit seiner Geschichte. Wesentliches Element war der Aufbau einer Plattform, auf der verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen, und wo Ideen im Dialog, im Geiste der Nichtkonfrontation und Kollaboration ausgetauscht werden können, um gemeinsam eine gerechte, nachhaltige und friedliche Weltordnung zu gestalten. Die zweite Säule war die Betonung der humanistischen und kulturellen Dimension, die im Zentrum der Globalisierung stehen sollte.

Wenn Sie eine Zwischenbilanz Ihrer ersten sechs Monate beim DOC ziehen: Was waren die Erfolge, und welche Probleme traten auf?

Wir haben das DOC als einen neuen Thinktank mit Sitz in Berlin, aber einem internationalen Aktionsradius erfolgreich positioniert. Das Institut ist eine einzigartige Plattform zwischen der entwickelten und der aufstrebenden Welt. Wir beteiligen uns am G20-Prozess und bauen Beziehungen zu zwischenstaatlichen Organisationen auf, wie der OECD, der UNESCO, der EU und der Asiatischen Entwicklungsbank.

Welche Art von Beziehungen sind das?

Wir führen beispielsweise Forschungsarbeiten im Auftrag der UNO durch.

Benötigen Sie nicht qualifizierte Forscher für derartige Aufträge?

Die haben wir. Unser internes Team besteht aus profilierten Wissenschaftlern, die aus verschiedenen Teilen der Welt stammen. Wir arbeiten auch mit Forschern zusammen, die an verschiedenen Universitäten tätig sind und zugleich Forschungsaufträge für das DOC übernehmen. In Berlin haben wir eine Veranstaltungsreihe gestartet, die „Meet in Mitte" heißt. Zweimal monatlich hält ein Senior-Expert einen Vortrag über ein aktuelles Thema der internationalen Agenda. Immer mehr Menschen nehmen an derartigen Veranstaltungen des Instituts teil – Politiker, Wissenschaftler, Studenten.

Wie erreichen Sie junge Menschen?

Wir entwickeln Initiativen wie beispielsweise unseren aktuellen Essay-Wettbewerb „My Country, Our World in 2030" für junge Europäer, den wir anlässlich der im Mai 2019 bevorstehenden Europawahlen gestartet haben. Rund 25 akademische Partner, darunter die Humboldt-Universität zu Berlin, nehmen daran teil. Wir organisieren ebenfalls Austauschprogramme für Studenten.

Als das DOC-Institut 2016 in Berlin ins Leben gerufen wurde, zeigten sich die Politik und die Denkfabriken in Deutschland recht misstrauisch, was seine Aktivitäten angeht. Sind Sie persönlich auf Hindernisse gestoßen, um das Institut in Berlin zu etablieren?

Das DOC betreibt regelmäßige Aktivitäten und hat Büros nicht nur in Berlin, sondern in der ganzen Welt, auch in Wien und Moskau. Wir haben Vertreter in Paris, Brüssel und Neu Delhi. Was Hindernisse anbelangt, so habe ich tatsächlich eine gewisse Skepsis beobachtet…

Skepsis von welcher Seite?

Vom Berliner "inner circle", also von Menschen, die sich skeptisch zeigten darüber, wer wir sind und was wir tun. Seien wir ehrlich, ich war mir all der Vorurteile hinsichtlich des Images des DOC völlig bewusst. Aber mir wurde jede Menge Freiheit zugesagt, das Institut nach meinen Vorstellungen zu entwickeln, und ich habe niemals irgendwelchen Druck gespürt, eine bestimmte Agenda zu promoten.

Jean-Christophe Bas im Gespräch mit Svetlana Alexeeva
Jean-Christophe Bas im Gespräch mit Svetlana Alexeeva, Inhaberin von
DIGITAL INSIGHT Russia & CIS

Lassen Sie uns über die Finanzierung sprechen. Möglicherweise hilft dies, mit Vorurteilen aufzuräumen.

Wir haben von keiner Regierung jemals einen einzigen Euro erhalten.

Auch keine Finanzierung für bestimmte politische Zwecke aus Russland?

Nein, es gibt keine staatliche Finanzierung – weder aus Russland noch aus einem anderen Staat. Wir vertreten keine Interessen oder Visionen irgendeiner Regierung. Ein Großteil der Mittel kommt von einigen wenigen Einzelspendern. Darüber hinaus arbeiten wir an der Diversifizierung der Finanzierungsquellen. Es gibt zwei Projekte, die von der UNO unterstützt werden. Unter unseren Unternehmenspartnern sind ein deutsches Einzelhandelsunternehmen und einige Partner in Genf.

Wissen Sie, in unserem Fall würde es auch technisch unmöglich sein, eine Agenda im Namen eines bestimmten Staates oder irgendwelche parteiischen Interessen zu bedienen. Unser ständiges Team besteht aus Mitarbeitern aus etwa fünfzehn verschiedenen Nationen: Amerikaner und Iraner, Israelis und Palästinenser, Russen, Ungarn, Ukrainer, Chinesen und Inder. Einige Mitglieder des Boards sind ehemalige Staats- und Regierungschefs und bekleiden Spitzenpositionen in wichtigen europäischen Institutionen. Wir haben damit jede Menge widersprüchlicher Meinungen auf unserer Plattform. Ich könnte sogar sagen, das DOC an sich, in seiner täglichen Arbeit, ist bereits eine Inkarnation des Dialogs.

Das DOC hat eine besondere Beziehung zu Russland. Sehen Sie dies mehr als Hemmnis oder als einen Wert, um Ihre Strategie für das Institut umzusetzen?

Unsere Verbindung zu Russland ist ein Asset! Es gibt nicht so viele internationale Organisationen, die mit Russland auf eine ähnliche Weise zusammenarbeiten können. Aber es geht nicht nur um Russland oder Eurasien. Wir unterhalten aber enge Beziehungen auch zu China und Afrika. Das DOC kann ein Verbindungsglied und ein Partner, also ein Matchmaker sein, um globale Stakeholder in einen Dialog einzubinden. Diese Fähigkeit verdankt es seiner einzigartigen Stellung zwischen dem Westen, oder der entwickelten Welt, und Russland, China und anderen aufstrebenden Ländern.

Was steht 2019 noch auf Ihrer Agenda?

Zunächst einmal das kommende Rhodos-Forum. Das Forum ist in der Tat unser Flaggschiff-Event, der seit 2003 jährlich stattfindet. Gegenwärtig feiert die Welt das 30-jährige Jubiläum des Falls der Berliner Mauer. Deshalb soll das Forum 2019 Ideen für eine Roadmap zu einer neuen Weltordnung beitragen und ein Kompass für eine friedliche, faire und nachhaltige Welt sein. Wo stehen wir heute? Worauf steuern wir zu? Das Motto des Rhodos-Forums in diesem Jahr – „Globale (Un-)Ordnung: Auf dem Weg zu dialogorientierten Weltbildern" – spiegelt das wider.

Der heutigen Welt fehlt es an einem gemeinsamen Narrativ, um sie durch eine Zeit heftiger Turbulenzen zu leiten. Diese Schlüsselfrage wollen wir im "DOC-Geist", das heißt des konstruktiven Engagements und des gegenseitigen Respekts ansprechen.

 

Das Gespräch führte und übersetzte Svetlana Alexeeva, Managing Owner DIGITAL INSIGHT Russia /// Eurasia /// CIS und Editor BUSINESS & DIPLOMACY: Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de

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